Ich lese viel Forschung zu Alkohol-Interventionen, und fast immer geht die Suche in dieselbe Richtung: mehr Gamification, mehr KI-Coaching, mehr Peer-Support. Diese Studie ging andersherum. Sie hat die Intervention so weit abgespeckt, bis fast nichts mehr übrig war - Leute sollten einfach nur mitbekommen, was sie trinken. Es hat trotzdem funktioniert.

Was gemacht wurde

Forscher in Korea rekrutierten 94 Studierende, die in einem Screening schon vorher als riskante Trinker aufgefallen waren. Im ersten Jahr lief für alle dasselbe Programm: 14 Tage lang, viermal täglich, eine Umfrage aufs Smartphone. Wie viel getrunken, wie die Stimmung, Kater ja oder nein, negative Folgen ja oder nein. Der Fachbegriff dafür ist Ecological Momentary Assessment, kurz EMA - Selbst-Tracking in Echtzeit statt eines einzelnen Fragebogens im Rückblick.

Ein Jahr später wurde die Gruppe geteilt. 49 Studierende wiederholten die 14 Tage genau so, ohne Zusatz. Die anderen 45 bekamen vor der zweiten Runde einen persönlichen Feedback-Bericht: ihr Trinkverhalten aus Jahr eins, ihre emotionalen Zustände, sogar eine Auswertung, wie ihre Gene Alkohol verarbeiten. Dazu täglich Feedback-Nachrichten über die ganzen zwei Wochen.

Was dabei herauskam

  • Beide Gruppen tranken danach weniger. Die AUDIT-C-Werte für riskantes Trinken sanken direkt nach der Tracking-Phase - moderat, aber signifikant, und zwar in beiden Gruppen.
  • Der Rückgang hielt. Nach drei Monaten war keine der beiden zurückgerutscht.
  • Die Trinkmotive verschoben sich erst später: soziale Motive und Enhancement-Motive (trinken, um sich gut zu fühlen, nicht nur um dabei zu sein) lagen nach drei Monaten niedriger, direkt nach der Intervention noch nicht.
  • Die Erwartungen blieben, wie sie waren. Was Alkohol für sie tun würde, glaubten die Studierenden am Ende genauso wie am Anfang.
  • Und die Feedback-Gruppe? Nicht besser. Genetik, Stimmungsdaten, personalisierte Coaching-Nachrichten - nichts davon schlug das nackte Tracking ohne jedes Feedback.

Was das bedeutet

Die Autoren sagen ehrlich, dass sie nicht erklären können, warum die aufwendigere Variante nichts draufgelegt hat. Mein Verdacht, wenn man zwischen den Zeilen liest: Das Tracking hatte die Arbeit da längst erledigt. Viermal am Tag, zwei Wochen lang, immer dieselben Fragen - was hast du getrunken, wie fühlst du dich, gab es Folgen - das erzwingt eine Aufmerksamkeit, die ein Bericht im Nachhinein eben nicht ersetzt. Niemand erzählt dir dabei etwas über dich. Du ertappst dich selbst, wieder und wieder, bis das Muster zu deutlich wird, um es zu übersehen.

Ein Haken bleibt: eine echte Kontrollgruppe ganz ohne Maßnahme gab es nicht. Ein Teil der Verbesserung kann also auch daran liegen, dass die Studierenden sich schlicht in ein neues Studienjahr eingelebt haben. Der Effekt hielt allerdings drei Monate an, und für reines Rauschen ist das lang.

Nach demselben Prinzip habe ich AlcoBalance gebaut. Kein nachträgliches Urteil über deinen Konsum. Du siehst dein Tempo und deinen Peak, während der Abend noch läuft - und merkst selbst, wann es kippt, statt am nächsten Morgen den Bericht von jemand anderem zu lesen.

Quelle: Addictive Behaviors, DOI