Frag jemanden, warum er weniger trinken will, und die naheliegende Antwort lautet: Gesundheit. Bei den Menschen mit dem höchsten Konsum sieht es anders aus. Die wollen ihr Leben zurück.
Was untersucht wurde
Forschende haben 2.520 Nutzer von Drink Less ausgewertet, einer britischen App zum Reduzieren des Alkoholkonsums. Anmeldezeitraum: Mai 2016 bis Juni 2024. Beim Einstieg bittet die App, einen Satz zu vervollständigen: „Ich möchte weniger trinken, weil …“. Die Freitextantworten wurden gelesen und nach wiederkehrenden Motiven codiert; das nennt sich Inhaltsanalyse. Danach die Frage: Verteilt sich das anders nach Alter, Geschlecht und AUDIT-Wert (Alcohol Use Disorders Identification Test)? AUDIT ist ein Standardfragebogen, der Trinkende nach Menge und Häufigkeit in Risikozonen einteilt.
Was dabei herauskam
Sechs Motive kamen immer wieder:
- Körperliche Gesundheit. Mit Abstand die häufigste Antwort: 52,7 %, also 1.329 von 2.520.
- Sich im eigenen Körper besser fühlen. 32,7 %.
- Mentales Wohlbefinden. 22,5 %.
- Selbstbestimmung. 19,2 % - die Kontrolle über das Trinken zurückholen und damit über das eigene Leben.
- Ein anderes Leben. 12,7 %.
- Beziehungen. 12,3 %. Die kleinste Gruppe, und trotzdem jeder Achte.
Interessant wird es, wenn man nach AUDIT-Risikozone aufschlüsselt. Körperliche Gesundheit und das Körpergefühl wurden in den höheren Risikozonen seltener genannt. Mentales Wohlbefinden, Selbstbestimmung, ein anderes Leben, Beziehungen: in derselben Gruppe häufiger.
Anders gesagt: Wer wenig trinkt, sorgt sich um seinen Körper. Wer viel trinkt, sorgt sich um sein Leben.
Was das bedeutet
„Trink weniger für deine Gesundheit“ ist damit eben keine Botschaft für alle. Sie erreicht die, die ohnehin schon moderat trinken und vorausdenken. Und verfehlt vermutlich genau die, um die es eigentlich geht: Menschen mit hohem Konsum, denen es in Wahrheit um Kontrolle geht.
Selbstbestimmung ist das Motiv, an das ich beim Bauen von AlcoBalance am häufigsten denke. Da geht es nicht um den Warnhinweis auf dem Leber-Etikett, sondern um den Moment mitten am Abend, in dem du wissen willst, wo du gerade stehst. Genau dafür ist AlcoBalance da: Du siehst dein Tempo, worauf dein Peak zuläuft und ungefähr, wann er wieder abklingt. So kannst du gegensteuern, bevor der Abend für dich entscheidet - und nicht erst am nächsten Morgen.
Eine Kampagne über Leberschäden erreicht Menschen, die sich sowieso um ihren Körper sorgen. Wer sich vor allem nicht mehr wie er selbst fühlt oder wegen des Trinkens Beziehungen verliert, die ihm wichtig sind, hört daraus wenig. Die Studie legt deshalb nahe: Selbstbestimmung braucht eine eigene Kampagne, getrennt von der Gesundheitsbotschaft.
Quelle: JMIR Public Health and Surveillance, DOI



