Forscherinnen und Forscher haben 1.522 Teenager ein Jahr lang über die Sensoren ihrer eigenen Smartphones beobachtet. Mehr Stunden auf Snapchat, TikTok und Instagram gingen mit mehr Alkohol, Vaping und Cannabiskonsum einher. Mehr Stunden auf YouTube nicht. Da ging es eher in die andere Richtung.
Studien nach dem Motto „Bildschirmzeit ist schlecht für Kinder“ habe ich genug gelesen - die werfen alle Apps in einen Topf. Diese hier nicht. Sechs Apps, einzeln ausgewertet, und sie verhalten sich alles andere als gleich. Deshalb habe ich den Methodenteil zweimal gelesen.
Was gemacht wurde
Die Daten stammen aus der ABCD-Studie (Adolescent Brain Cognitive Development Study), einer großen US-Kohorte, die Kinder aus dem ganzen Land seit ihrer Kindheit begleitet. Diese Analyse nutzt die erste Erhebungswelle mit sensorbasierten Smartphone-Daten. Also tatsächlich gemessene Stunden pro App - nicht die Schätzung eines Teenagers, wie viel TikTok es letzte Woche wohl war.
- Ausgangsstichprobe: 1.522 Kinder, 13 bis 16 Jahre alt
- Nachuntersuchung ein Jahr später: 1.121 von ihnen
- Gemessene Apps: Snapchat, TikTok, Instagram, YouTube und zwei weitere
- Erfasste Substanzen: Alkohol, Nikotin/Tabak, Cannabis
Schritt eins: App-Stunden und Substanzkonsum zum selben Zeitpunkt vergleichen. Schritt zwei: die Teenager weiterverfolgen, die zu Beginn schon Konsum angegeben hatten - sagten ihre App-Stunden voraus, wie es ein Jahr später aussah?
Die Zahlen
- Snapchat, TikTok und Instagram: mehr Stunden, mehr Alkohol, Nikotin und Cannabis - und zwar über mehrere Messgrößen hinweg.
- YouTube lief andersherum. Mehr YouTube-Zeit hing mit weniger Substanzkonsum zusammen.
- In der Nachuntersuchung ein Jahr später hielt das Muster bei den Teenagern, die schon konsumierten. Es war also nicht bloß eine Momentaufnahme, in der zufällig beides zusammenfiel.
„Soziale Medien sind schlecht“ trägt hier also nicht. Eine der größten Plattformen im Alltag eines Teenagers fiel ins schützende Muster, drei andere ins genau gegenteilige.
Was das bedeutet
Die Lesart der Autorinnen und Autoren: Es geht um Inhalt und Format, nicht bloß um Stunden vor dem Bildschirm. Snapchat und TikTok leben von kurzen, flüchtigen, persönlichen Clips. Genau dort wird eine Partygeschichte oder ein Vaping-Trick nebenbei geteilt und ist wieder weg, bevor jemand nachfragt. YouTube setzt eher auf längere Formate: Tutorials, Gaming, Kommentare. Anderer Content-Mix - und vielleicht auch ein anderer Grund, die App überhaupt zu öffnen.
Vorsicht ist trotzdem angebracht, und die Studie benennt ihre Grenzen selbst. Ein Teil der Auswertung ist querschnittlich, heißt: Ein risikofreudiger Teenager greift vielleicht ohnehin eher zu Snapchat als zu YouTube, ohne dass Snapchat irgendetwas auslöst. Und selbstberichteter Substanzkonsum ist in diesem Alter immer etwas unscharf. Nur - der Zusammenhang hielt ein ganzes Jahr, bei Kindern, die schon konsumierten. Damit wird „war halt ein Ausreißer“ zur schwächeren Erklärung.
Was ich als jemand mitnehme, der sich beruflich mit Trinkverhalten beschäftigt: Das summiert sich leise. Niemand beschließt nach einem einzelnen Clip, dass ein Drink oder ein Zug normal ist. Es ist das ständige Grundrauschen aus „machen doch alle, sieht doch okay aus“, das verschiebt, was sich normal anfühlt. Bei Teenagern heute - und ehrlich gesagt auch bei Erwachsenen, die mit denselben Feeds groß geworden sind. Kein schlechter Gedanke für den Moment, in dem sich ein Abend anfühlt, als folge er dem Skript von jemand anderem statt deinem eigenen [[rhythm]].
Quelle: Addictive Behaviors, DOI



