Ich habe diese Studie gelesen, weil sie etwas misst, zu dem ich immer wieder zurückkomme: nicht wie betrunken jemand ist, sondern für wie betrunken er sich hält. In der Lücke zwischen diesen beiden Zahlen fallen die Entscheidungen. Hier konkret: die Entscheidung, sich ans Steuer zu setzen. Der Mechanismus dahinter reicht aber weit über Verkehrssicherheit hinaus. Der Haken ist ja: Dieselbe Beeinträchtigung, die deinen Zustand verändert, verändert auch, wie du ihn liest.
Der Aufbau
160 Personen, die selten und in geringen Mengen tranken, zufällig und verblindet auf drei Ziel-BAC-Bedingungen verteilt (BAC = Blutalkoholkonzentration): niedrig (~0,025 %), mittel (~0,055 %), hoch (~0,085 %). Eine RCT, also eine randomisierte kontrollierte Studie.
Mehrfach im Verlauf - erst während der BAC anstieg, dann noch einmal, während er wieder abfiel - füllten die Teilnehmer Fragebögen aus: wie viele Standardgetränke sie ihrer Schätzung nach getrunken hatten, wie hoch sie ihren eigenen BAC einschätzten, wie sicher sie sich bei dieser Schätzung waren. Dazu: wie berauscht sie sich fühlten und ob sie sich fahrtauglich fanden.
Niemand wusste, in welcher Gruppe er saß. Genau darum geht es bei der Verblindung: Sie nimmt den Anker weg, dieses "Ich hatte drei Drinks, dann bin ich wohl bei X". Übrig bleibt das reine Gefühl.
Was herauskam
Die Schätzung kippt mit der Dosis. Die mittlere Gruppe (~0,055 %) traf ihre Zahl am besten. Die niedrige Gruppe überschätzte, die hohe unterschätzte. Solange der Rausch nur leicht spürbar ist, bleibst du auf der Spur. Ist die Beeinträchtigung wirklich da, verrutscht die Rechnung.
Der Unterschied war schon vor dem ersten Drink da. Noch nüchtern, noch bevor jemand ahnte, was er bekommen würde, trauten sich die später mittleren und hohen Gruppen eher zu, jenseits der gesetzlichen Grenze zu fahren, als die niedrige. Reine Zufallszuteilung, und trotzdem eine andere Grundhaltung.
Mellanby-Effekt. Während der BAC abfiel, hielt sich die hohe Gruppe für fahrtauglicher als die mittlere - bei tatsächlich höherem BAC. Die Studie nennt das den Mellanby-Effekt: Subjektiv fühlt sich der Rausch im Anstieg stärker an als beim gleichen Wert auf dem Weg nach unten. Wer seinen Peak hinter sich hat, fühlt sich weniger beeinträchtigt als jemand, der beim exakt gleichen BAC noch steigt.
Entschieden wird über die Zahl, nicht über das Gefühl. Eine logistische Regression zeigte: der geschätzte BAC und das Vertrauen in diese Schätzung sagten signifikant voraus, ob jemand angab, fahren zu wollen. Die gefühlte Beeinträchtigung nicht. Ausgerechnet die Variable, die die Entscheidung trägt, versagt bei hoher Intoxikation am stärksten.
Was das heißt
Wer am stärksten beeinträchtigt ist, hat das schlechteste Gespür dafür. Und gefahren wird auf Basis dieses Gespürs.
Das Regressionsergebnis schärft das noch. Der Prädiktor für die Fahrabsicht war nicht das gefühlte Ausmaß der Beeinträchtigung, sondern die geschätzte Zahl und das Vertrauen in sie. Die Logik dahinter: "Ich bin wohl bei X, der Schätzung traue ich, also fahre ich." Stimmt die Schätzung nicht - und bei hohem BAC stimmt sie laut Daten eben nicht -, versagt diese Logik still und leise.
Einschränkungen gibt es. Die Teilnehmer waren Personen mit geringem Trinkrisiko, im kontrollierten Labor, keine gewohnheitsmäßig starken Trinker mit aufgebauter Toleranz; die Zahlen lassen sich also nicht eins zu eins übertragen. Gemessen wurden geäußerte Absichten, nicht das Verhalten am Steuer. Das Muster bleibt trotzdem stehen. Was es auf der echten Straße wert ist, bleibt offen.
Die Selbsteinschätzung unter Alkohol versagt genau dann, wenn die Intoxikation am höchsten ist. Wo du wirklich stehst - dein Peak, wann er abklingt - sagt dir nicht das Gefühl, sondern etwas von außen. An einem Abend, an dem der BAC weiter gestiegen ist als geplant, ist dieses innere "Mir geht's doch gut" laut den Daten das Erste, was kippt.
AlcoBalance rechnet dir die tatsächliche Zahl aus: wo du gerade auf der Kurve stehst, wann du deinen Peak erreicht hast, wann du wieder klar bist. Etwas zum Steuern, nicht zum Protokollieren - gerade dann, wenn dem eigenen Gespür am wenigsten zu trauen ist.
Quelle: Journal of Safety Research, doi:10.1016/j.jsr.2026.05.009



